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Glossar

Zitiervorschlag: Stecher, M. (2021): „Glossar.“ Abgerufen von URL: https://wsd-bw.de/doku.php?id=wsd:glossar, CC BY-SA 4.0

Aktivitäten

Eine Aktivität bezeichnet die Durchführung einer Aufgabe oder Handlung (z.B. rechnen, lesen, schreiben, sprechen, sich bewegen).

Barrieren

Barrieren sind (hemmende) Kontextfaktoren, die sich negativ auf Aktivität und Teilhabe auswirken.

CHC-Modell (nach Cattell, Horn und Carroll)

Das CHC-Modell ist ein mehrstufiges, hierarchisches Intelligenz-Modell, in dem die Theorien von Cattell, Horn und Carroll zusammenfließen. Es dient in diesem Werkzeug in erster Linie der begrifflichen Ordnung der mentalen Funktionen.

Arbeitshilfen

Arbeitshilfen sind „Werkzeuge“ für sonderpädagogische Diagnostik. Sie setzen sich theoriegeleitet aus verschiedenen Items zusammen, welche für die Beantwortung einer bestimmten diagnostischen Fragestellung (z.B. zum Lesen und Schreiben) besonders relevant sind. Arbeitshilfen sind strukturiert nach dem bio-psycho-sozialen Modell der ICF-CY.

Diagnostische Fragestellung

Diagnostische Fragestellungen sind der Ausgangspunkt sonderpädagogischen Handelns. Sie werden zu einem diagnostisch relevanten Sachverhalt formuliert und strukturieren die weitere diagnostische Vorgehensweise.

Beispiele für diagnostische Fragestellungen:

  1. Abklärung eines sonderpädagogischen Ressourcenanspruchs im Rahmen eines Feststellungsverfahrens (sonderpädagogisches Gutachten): Besteht bei Lisa ein Anspruch auf ein sonderpädagogisches Bildungsangebot / in welchem Förderschwerpunkt besteht dieser Anspruch? Welche Bildungsangebote unterstützen ihren Kompetenzerwerb (in den Bereichen XY)?
  2. Prozessorientierte Diagnostik: Woran könnte es liegen, dass Robin Schwierigkeiten im sinnentnehmenden Lesen hat? Welche Bildungsangebote unterstützen seinen Kompetenzerwerb in diesem Bereich?

Diagnostische Methoden

Die Auswahl diagnostischer Methoden erfolgt theoriegeleitet. Diagnostische Methoden lassen sich untergliedern in:

  1. Beobachtungen (strukturiert/unstrukturiert)
  2. informelle Verfahren
  3. standardisierte Verfahren
  4. Befragungen und Gespräche
  5. Dokumentenanalysen

Didaktisierung

Unter Didaktisierung versteht man die Ableitung und Umsetzung individueller Ziele und Bildungsangebote. Didaktisierung knüpft unmittelbar an die Hypothesenbildung im diagnostischen Prozess an. Sie berücksichtigt bestmöglich wissenschaftliche Erkenntnisse bezüglich der Wirksamkeit individueller Bildungsangebote.

Förderliche Faktoren

Förderliche Faktoren sind Kontextfaktoren (personbezogene Faktoren und Umweltfaktoren), die sich positiv auf Aktivität und Teilhabe auswirken.

Fragestellungsanalyse

Anknüpfend an eine diagnostische Fragestellung geht es im Rahmen einer Fragestellungsanalyse darum, ein theoretisches Verständnis der diagnostischen Fragestellung zu gewinnen - zunächst noch unabhängig vom konkreten Kind oder Jugendlichen. Der Blick richtet sich dabei auf den idealtypischen Ablauf (z.B. des Lesens) Die kleinschrittige Analyse dieses idealtypischen Ablaufs bildet gewissermaßen eine Art Folie, vor deren Hintergrund das konkrete Handeln des Kindes oder Jugendlichen in einem nächsten Schritt analysiert werden kann.

Zur Strukturierung einer Fragestellungsanalyse bietet sich das bio-psycho-soziale Modell der ICF-CY an. Handlungsleitend sind in diesem Zusammenhang folgende Fragen:

  1. Welche Bereiche von Aktivität und Teilhabe müssen (z.B. im Bereich Lesen) in den Blick genommen werden?
  2. Welche Körperfunktionen und ggf. –strukturen müssen anknüpfend an 1) in den Blick genommen werden?
  3. Welche Kontextfaktoren (personbezogene Faktoren und Umweltfaktoren) müssen anknüpfend an 1) in den Blick genommen werden?

Gesundheitszustand (nach ICD-10 oder DSM 5)

Den Gesundheitszustand (nach ICD-10 oder DSM 5) im Rahmen diagnostischer Prozesse zu berücksichtigen, meint vorhandene Diagnosen (Gesundheitsstörungen oder Krankheiten) im Hinblick auf deren Auswirkungen auf Aktivität und Teilhabe in den Blick zu nehmen. Hierzu zählen Krankheiten wie z.B. Diabetes genauso wie psychische Störungen, wie z.B. eine Depression.

Hypothesen / Hypothesenbildung

Hypothesen sind präzisierte Vermutungen, die beschreiben woran es liegen könnte, dass Schwierigkeiten, z. B. im sinnentnehmenden Lesen bestehen. Die Hypothesenbildung verläuft theoriegeleitet, d. h. unter bestmöglicher Berücksichtigung wissenschaftlicher Erkenntnisse bezüglich möglicher Zusammenhänge der im Spiegel der ICF-CY erhobenen diagnostischen Daten. Handlungsleitend sind hierbei folgende Fragestellungen:

  1. Mit welchen Körperfunktionen und –strukturen könnten die diagnostischen Daten im Bereich Aktivität und Teilhabe in Zusammenhang stehen?
  2. Mit welchen Diagnosen nach ICD 10 oder DSM 5 könnten die diagnostischen Daten im Bereich Aktivität und Teilhabe in Zusammenhang stehen?
  3. Mit welchen Kontextfaktoren (förderlich/hemmend) könnten die diagnostischen Daten im Bereich Aktivität und Teilhabe in Zusammenhang stehen?
  4. Welche Zusammenhänge bestehen zwischen einzelnen Aktivitätsbereichen?

Da im Rahmen der Hypothesenbildung einzelne ICF-Kategorien theoriegeleitet miteinander in Beziehung gesetzt werden, wird auch von Zusammenhangshypothesen gesprochen.

Individuelle Bildungsangebote

Individuelle Bildungsangebote unterstützen Kinder und Jugendliche mit Anspruch auf ein sonderpädagogisches Bildungsangebot darin, ihre Aktivitätspotenziale zu entfalten und ihre Teilhabemöglichkeiten zu erweitern. Welche Ziele individuelle Bildungsangebote umfassen, ist im Vorfeld durch eine entsprechende sonderpädagogische Diagnostik und eine daran anknüpfende kooperative Bildungsplanung zu klären.

Individuelle Lern- und Entwicklungsbegleitung (ILEB)

Individuelle Lern- und Entwicklungsbegleitung (ILEB) ist das Fachkonzept der Sonderpädagogik in Baden-Württemberg. ILEB als Instrument der Qualitätssicherung beschäftigt sich mit der Frage, wie der Bildungsanspruch auf Aktivität und Teilhabe sowohl fachlich-inhaltlich als auch organisatorisch-strukturell gesichert werden kann. Ausgehend von einer sonderpädagogischen Diagnostik, werden in Verbindung mit einer kooperativen Bildungsplanung, individuellen Bildungsangeboten und deren Umsetzung, einer kompetenzorientierten Leistungsfeststellung sowie der kontinuierlichen Dokumentation dieser Prozesse nachhaltige Bildungsprozesse gesichert und zwar losgelöst vom Lernort.

Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung & Gesundheit bei Kindern & Jugendlichen (ICF-CY)

Die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung & Gesundheit bei Kindern & Jugendlichen (ICF-CY) basiert auf einem bio-psycho-sozialen Verständnis von Behinderung. Sie beschreibt die Situation einer Person auf folgenden Ebenen:

  1. ihres Körpers (Körperfunktionen und ggf. -strukturen)
  2. der Handlungen oder Durchführungen von Aufgaben (Aktivitäten)
  3. des Einbezogenseins in eine Lebenssituation (Teilhabe)

Sämtliche Ebenen stehen unter dem Einfluss von Kontextfaktoren (personbezogene Faktoren und Umweltfaktoren).

Körperfunktionen

Körperfunktionen sind die physiologischen Funktionen von Körpersystemen einschließlich psychologischer Funktionen (z.B. Sinnesfunktionen, mentale Funktionen, psychomotorische Funktionen,…).

Körperstrukturen

Körperstrukturen sind anatomische Teile des Körpers, wie Organe, Gliedmaßen und ihre Bestandteile (z.B. anatomische Strukturen des Ohres).

Kompetenzorientierte Leistungsfeststellung

Im Rahmen einer Kompetenzorientierten Leistungsfeststellung wird im Rahmen von ILEB die Wirksamkeit individueller Bildungsangebote überprüft.

Folgende Fragestellungen sind dabei zu prüfen:

  1. Waren die Bildungsangebote zielführend? Woran wird das festgemacht?
  2. Über welche Kompetenzen verfügt das Kind oder der Jugendliche nun?
  3. Haben sich die Hypothesen im Rahmen der sonderpädagogischen Diagnostik als bedeutsam erwiesen? Gibt es neue Hypothesen?
  4. Welches sind daran anknüpfend nächste Ziele und Bildungsangebote?

Kontextfaktoren

Kontextfaktoren sind alle Gegebenheiten des Lebenshintergrundes einer Person. Sie sind in personbezogene Faktoren und Umweltfaktoren gegliedert.

Kooperative Bildungsplanung

Kooperative Bildungsplanung bedeutet, im Dialog mit den Eltern, mit dem Kind oder dem Jugendlichen und gegebenenfalls mit weiteren bedeutsamen Personen aus dem Umfeld ein gemeinsames und umfassendes Verständnis der aktuellen Situation zu entwickeln, daran anknüpfend Ziele zu formulieren und zu planen, mittels welcher konkreter sonderpädagogischer Maßnahmen (individuelle Bildungsangebote) ein Kind oder ein Jugendlicher darin unterstützt werden kann, seine Aktivitätspotenziale zu entfalten und seine Teilhabemöglichkeiten zu erweitern.

Mehrkomponentenmodell des Arbeitsgedächtnisses (nach Baddeley)

Das Mehrkomponentenmodell des Arbeitsgedächtnisses (nach Baddeley) versucht abzubilden, wie Informationen während ihrer komplexen kognitiven Verarbeitung zwischengespeichert und aufrechterhalten werden. Das Mehrkomponentenmodell kann herangezogen werden, um die Wirkweise auf der Ebene der Körperfunktionen zu beschreiben.

Personbezogene Faktoren

Personbezogene Faktoren sind bestimmte Eigenschaften, Lebensgewohnheiten und Einstellungen einer Person (z.B. Motivation, Interessen, Selbstbild, Selbstwirksamkeitserwartungen, …) Personbezogene Faktoren können Aktivität und Teilhabe positiv oder negativ beeinflussen.

Schädigung

Schädigungen sind Beeinträchtigungen einer Körperfunktion oder -struktur (z.B. eine wesentliche Abweichung oder ein Verlust).

Sonderpädagogische Diagnostik

Sonderpädagogische Diagnostik befasst sich im Kern mit der Frage welche Barrieren in den Kontextfaktoren (personbezogene Faktoren und Umweltfaktoren) bzw. welche Schädigungen in den Körperfunktionen und ggf. -strukturen Kinder / Jugendliche / junge Erwachsene in ihrer Aktivität und Teilhabe so einschränken, dass sich daraus die Notwendigkeit eines sonderpädagogischen Bildungsangebots ableitet.

Sonderpädagogische Diagnostik bildet sich grundsätzlich in 2 Formen ab:

  1. Abklärung eines sonderpädagogischen Ressourcenanspruchs im Rahmen eines Feststellungsverfahrens (sonderpädagogisches Gutachten).
  2. Prozessorientierte, sonderpädagogische Diagnostik im Rahmen von ILEB in frühkindlicher, schulischer und beruflicher Bildung

Teilhabe

Teilhabe (Partizipation) ist das Maß, in dem Aktivitäten (z.B. rechnen, lesen, schreiben, sprechen, sich bewegen) selbstbestimmt und gleichberechtigt in lebensbedeutsamen Kontexten entfaltet werden können (z.B. selbständig mit Geld am Kiosk bezahlen, einen Einkaufszettel erstellen und mit diesem im Supermarkt einkaufen, selbständig den Linienbus von zu Hause zur Schule benutzen).

Theorie der funktionellen Systeme (nach Lurija)

Die Theorie der funktionellen Systeme (nach Lurija) fasst die Funktionen des Gehirns in drei funktionalen Einheiten (Blöcke) zusammen.

  1. Einheit zur Steuerung von Tonus und Wachheit (Einheit der Aktivierung)
  2. Einheit zur Aufnahme, Verarbeitung und Speicherung der von der Außenwelt eintreffenden Information (Einheit der Orientierung)
  3. Einheit der Programmierung, Steuerung und Kontrolle psychischer Tätigkeit (Einheit der Handlung)

Die Theorie der funktionellen Systeme (nach Lurija) kann herangezogen werden, um die Wirkweise auf der Ebene der Körperfunktionen zu beschreiben.

Umweltfaktoren

Umweltfaktoren bilden die materielle, soziale und einstellungsbezogene Umwelt ab, in der Menschen leben, z.B. Persönliche Hilfsmittel (z.B. Digitale Übertragungsanlage,…), Unterstützung und Beziehungen (Schule, Familie, Freunde, Peer, andere Fachleute,…), Einstellungen (Schule, Familie, …), Lernumgebung (Materialien, Medien, Methoden,…). Umweltfaktoren liegen außerhalb des Individuums und können sowohl Aktivität und Teilhabe als auch Körperfunktionen und -strukturen positiv oder negativ beeinflussen.

Vierfelder-Modell des Schriftspracherwerbs (nach Reber)

Das Vierfelder-Modell des Schriftspracherwerbs (nach Reber) berücksichtigt beim Lesen und Schreiben sowohl den technischen als auch den kommunikativen Aspekt. Es bietet die Möglichkeit, die Lese- und Schreibkompetenzen eines Kindes anschaulich und strukturiert abzubilden.

Zwei-Wege-Modell des Lesens (nach Coltheart)

Das Zwei-Wege-Modell des Lesens (nach Coltheart) beschreibt den Prozess des Lesens und dass es zwei Möglichkeiten gibt, einzelne Wörter zu lesen, nämlich auf dem direkten Weg oder dem indirekten Weg.

  1. Bei dem direkten Weg wird ein Wort als Ganzes erfasst (als Wortbild) und im Gedächtnis der Eintrag mit der Aussprache des Wortes aktiviert und schließlich ausgesprochen.
  2. Beim indirekten Weg wird Buchstabe für Buchstabe gelesen und schließlich die einzelnen Laute zu einem Wort zusammengefügt.

Zwei-Wege-Modell des Schreibens (nach Barry)

Barry unterscheidet im Rahmen des Zwei-Wege-Modells des Schreibens zwei Routen:

  1. In der nicht-lexikalischen Route aktiviert die akustische Analyse direkt die dazugehörigen Phoneme und speichert diese im phonologischen Buffer, der allerdings auch Informationen aus dem phonologischen Lexikon der lexikalischen Route erhalten kann. Über die Phonem-Graphem-Umwandlung erfolgt die Übersetzung in Grapheme, die dann im sog. Graphembuffer für das Niederschreiben gespeichert werden.
  2. Die lexikalische Route führt ausgehend vom auditiven Lexikon entweder a) über das phonologische Lexikon (Ich weiß, aus welchen Lauten sich das Wort zusammensetzt!) oder b) direkt zum orthographischen Lexikon (Ich kenne das Wort und die Schreibung!).

Layout und Gestaltung: Christian Albrecht, Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) Baden-Württemberg

wsd/glossar.txt · Zuletzt geändert: 2021/07/21 07:38 von Philipp Staubitz