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Erweiterter Lese- und Schreibbegriff bei blinden Kindern

Zitiervorschlag: Wahl, B., Lang, M. (2021). „Erweiterter Lese- und Schreibbegriff bei blinden Kindern“. Abgerufen von URL: https://wsd-bw.de/doku.php?id=wsd:lesen_schreiben:erweitert_braille, CC BY-SA 4.0

Lesen mit Hilfe von Bildern und Symbolen

Das erweiterte Lesen nach Dönges und Koch ist auch bei blinden Kindern von Relevanz, um Teilhabe an der zeichenhaft verfassten Alltagswirklichkeit zu erfahren. Überträgt man dem hierbei zugrunde gelegten Zeichenbegriff von Peirce (nach Hoffmann; 2011) auf taktile Bilder und Symbole, lässt sich folgendes ableiten: Lesen (im erweiterten Sinne) findet statt, wenn einem Zeichen eine übergeordnete Bedeutung entnommen wird. Diese Bedeutung kann aus einer Konvention („Gesetzmäßigkeit“) oder einer Vereinbarung („Gewohnheit“) entstehen.

Ein Zeichen (i.S. von Peirce) kann ein Foto oder ein Gegenstand sein, wenn dies abgelöst vom konkreten Objekt/der konkreten Abbildung einen Begriff, eine Begriffsklasse, eine Situation oder eine Person/Personengruppe (Mädchen, Junge, Baby, Familie…) repräsentiert.

Da blinde Menschen keine Bilder oder Fotos wahrnehmen können, stellt ein Gegenstand, der eine Repräsentationsfunktion hat, die erste Form eines Zeichens dar. Analog des Fotos bei Sehenden ist ein solches Bezugsobjekt eine „Abbildung“ mit größtmöglicher Nähe zu einer Situation, einer Objektklasse oder einer Person.

Foto: Wahl, B.

Ein Ikon ist laut Euker/Koch ein Zeichen, das in der Abbildung „gegenstandsähnlich“ ist. Das heißt der Bezug zum repräsentierten Objekt kann vom blinden Menschen durch Tasten über Form, Textur, Elemente des Objekts (z.B. Teil eines Autogurts) etc. hergestellt werden.

Foto: Wahl, B.

Ein Symbol hat keine Ähnlichkeit mit dem repräsentierten Objekt und ist willkürlich, durch Konvention oder Vereinbarung festgelegt. Für Sehende Menschen sind Symbole, die durch Konvention festgelegt wurden, z.B. Verkehrszeichen, rote Farbe für warmes Wasser o.Ä., ein durch eine Vereinbarung festgelegtes Symbol kann beispielsweise eine Abbildung für einen Namen (z.B. an der Garderobe) sein. Analog dieser durch Vereinbarung festgelegten Symbole können bei blinden Menschen auch Gegenstände ein Symbol darstellen, wenn sie keine Ähnlichkeit mit der Situation, Person oder mit dem repräsentierten Objekt haben.

Foto: Wahl, B.

Reliefdarstellungen bzw. taktile Umrisszeichnungen sind dahingehend als Symbol zu sehen, da diese Art der Darstellung für einen blinden Menschen keinerlei Ähnlichkeit zum Tasteindruck des dargestellten Objekts herstellt. Der Sinn und Inhalt einer Reliefdarstellung kann von einem blinden Menschen anfangs nur mit Hilfe eines initiierten Lernprozesses (z.B. Aufzeigen der Schrittfolge vom Realobjekt zum Umriss, verbale Begleitung etc.) geleistet werden. Dies bedeutet, dass der Sinngehalt der Darstellung erst durch eine erlernte Interpretation entsteht und somit auf einer Art „Vereinbarung“ der mit dieser Darstellung kommunizierenden Interaktionspartner basiert.

Foto: Wahl, B.

Durch Konvention festgelegte taktile Symbole können einfache geometrische Formen sein, oder auch Brailleschrift und weitere taktile Schriftarten.


Schreiben mit Hilfe von Bildern und Symbolen

Analog zum Lesen von Bildern und Symbolen lässt sich auch das Schreiben mit Hilfe dieser Darstellungsformen beschreiben. Als Vorform des „Kritzelns“ z.B. auf einer Punktschriftmaschine oder auf Zeichenfolie kann das Darstellen von Ereignissen, Personen, Tätigkeiten etc. mit Hilfe von Gegenständen (Bildern), taktilen ikonischen Zeichen oder taktilen Symbolen erfolgen.


Literatur:

Lang, M. (2011). Lesen und Schreiben. In M. Lang, U. Hofer & F. Beyer (Hrsg.), Didaktik des Unterrichts mit blinden und hochgradig sehbehinderten Schülerinnen und Schülern. Band 2: Fachdidaktiken. (S. 15-54). Stuttgart: Kohlhammer

Euker, N. & Koch, A. (2010). Der erweiterte Lesebegriff im Unterricht für Schülerinnen und Schüler mit geistiger Behinderung: Bestandsaufnahme und Neuorientierung. Zeitschrift für Heilpädagogik, 7/2010, 261-268.

Hoffmann, M. H. G. (2001). Peirces Zeichenbegriff: seine Funktionen, seine phänomenologische Grundlegung und seine Differenzierung https://works.bepress.com/michael_hoffmann/18/ (abgerufen am 17.07.2017)


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